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Zwischen Vergnügungsviertel und Go-Go-Bars auf der Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya - von Lothar W. Brenne-Wegener Eröffnungsveranstaltungen von Kunstausstellungen dienen unter dem Aspekt "sehen und gesehen werden" in erster Linie dem Kennenlernen von Menschen und der Kontaktpflege unter Gleichgesinnten. Manchmal haben sie auch etwas mit der Präsentation von Kunst zu tun oder der Einführung von jungen oder auch bereits arrivierten Künstlern, die dem Vernehmen nach dabei sogar hier und da eines oder auch mehrere ihrer Werke verkaufen sollen. Diese zugegebenermaßen etwas schräge Charakterisierung stammt nicht etwa aus Piroschka Dossi’s 2007 in München erschienenen Buch "Hype! Kunst und Geld", sondern entsprach eher dem Eindruck, den der Verfasser am 31. Januar aus der "Gallery Opium" mitnahm, wo unter dem Titel "Inspiration from my friend’s spirit" die Eröffnung der Ausstellung von Werken des 1984 in der thailändischen Provinz Kalasin geborenen Narong Wannasa stattfand. Dazu hatten sich etwa 120 Besucher in der Galerie versammelt, etwa 80 Prozent von ihnen Ausländer. Ein kurzes Gespräch mit dem Betreiber der Galerie, Alan Kirkland-Roath, dessen Visitenkarte ihn selbst als "Watercolour Artist" auswies, setzte mich auf die Fährte, einmal nach der Kunstszene in Pattaya zu suchen. 1. Februar 2007: Besuch in der Santi Gallery in der Walking Street 309/ 1. Wie ein tiefer Schlauch zieht sich der Ausstellungsraum von der Straße aus in das Gebäude hinein. Hier findet man Kopien von Bildern eines August Macke, eines Rembrandt oder auch eines Albrecht Dürer. Zu meiner großen Überraschung prangen aber auch einige Porträts von "GröFaZ" - Adolf Hitler an der Wand, der mal in dezent zivilem Tuch, aber auch in brauner Uniform mit Hakenkreuzarmbinde an einem Rednerpult abgebildet ist. Die Überraschung verschlägt mir dermaßen die Sprache, daß ich sogar vergesse, den Galeristen zu fragen, was so etwas kostet und vor allem, wer so etwas kauft! Als ich mich in Vorbereitung auf diesen Beitrag erneut in die Walking Street aufmache, um der Santi Gallery einen weiteren Besuch abzustatten, weil ich dort die beiden Fragen zu gerne noch beantwortet bekommen hätte, erfahre ich, daß diese inzwischen der Nok-Bar Platz gemacht hat. - Schade? Nein, eigentlich nicht! 16. Januar 2008: auf der Fahrt die Thapphraya Road hinunter, die später in die Pattaya 2nd Road übergeht, zähle ich flüchtig vom Taxi aus bis zur Kreuzung der South Pattaya Road mehr als zehn Galerien. Am Eingang zur "Boyz Town" stoße ich auf eine weitere mit Namen "Artist Mana". Der 39-jährige Mana Yaprakham ist gerade dabei, im Auftrag des Managers des Tiffany-Cabarets eine Kopie von Gustav Klimts "Adele Bloch-Bauer" aus dem Jahr 1907 anzufertigen. Mana, der nie malen oder kopieren gelernt hat, sondern als reiner Autodidakt daherkommt, verwendet dabei viel Blattgold. Für den oberflächlichen Betrachter kommt die entstehende Kopie dem Original, das ihm in Form einer Abbildung des 2007 im Münchener Prestel Verlag erschienenen voluminösen Bildbandes über Gustav Klimt vorliegt, erstaunlich nahe. Die Frage, warum er nicht einmal versucht, einen eigenen Stil zu entwickeln und sich damit bei einer Galerie für eine Ausstellung zu empfehlen, sein Geld könne er ja weiterhin mit Kopien verdienen, scheitert an seinen eingeschränkten Englischkenntnissen. 31. Januar 2009: Die "Gallery Opium" zeigt in der o.a. erwähnten Einzelausstellung Werke des Künstlers Narong Wannasa. Es gibt sie also doch in Pattaya, die echte, die kreative Kunst, die sich nicht aufs Anfertigen von billigen Kopien alter oder junger Meister oder dem in Öl gefertigten Konterfei für die Lieben Daheim beschränkt. Narong gehört der jungen Thappraya Group an, so genannt nach der Thappraya Road, wo sich die Gruppe zunächst regelmäßig traf und nun ein Studio unterhält. Zu ihr gehören neben Narong auch Thawatchai Homthong, Vasin Suttikasem und Wasan Suttikasem. Im Oktober 2008 trat die Gruppe mit ihrer ersten Ausstellung "The Golden Kingdom" in der "Silom Galleria" in Bangkok an die Öffentlichkeit. 5. Februar 2009: auf der Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya treffe ich mich mit Alan Kirkland-Roath, dem Besitzer der "Gallery Opium", zu einem Gedankenaustausch im Sheraton Pattaya Resort. Grund ist Umstand, daß Alan gerade mit dem aus Bangkok stammenden Kritiker Brian Curtin in dem Hotel eine Ausstellung von Gegenwartskunst zusammengestellt hat. Unter dem Titel "New Ecologies" werden circa 150 Exponate von 28 verschiedenen Künstlern aus aller Welt präsentiert, darunter auch eine ganze Reihe einheimischer. Ein großer Teil von Ihnen ist, wie übrigens Alan selbst, Autodidakt, aber es sind selbstverständlich auch Vertreter darunter, die ihr Metier von der Pieke auf gelernt haben. Und, um es gleich vorweg zu sagen, das Ergebnis, das da im Sheraton präsentiert wird, kann sich sehen lassen! "Nein, ein Kunstszene wie beispielsweise in den unterschiedlichsten Ländern Europas gibt es weder Pattaya noch in Thailand", stellt Alan gleich zu Beginn unserer Unterhaltung fest. "Dazu müßte es ein engmaschiges Netz an Galerien geben, die, unterstützt durch eine Reihe von Sponsoren, den Künstlern die Gelegenheit geben, ihre Werke auszustellen. Nehmen sie doch mal Deutschland, da gibt es keine größere Stadt, die nicht mindestens über eine Galerie verfügt. Dazu bedarf es zudem eines wie auch immer gearteten Netzwerks, über das Interessenten untereinander in Kontakt stehen und sich gegenseitig austauschen können. Und schließlich, ein Künstler muß auch von seiner Tätigkeit leben können! Das kann er in Thailand nicht!" "Wenn schon ein Künstler in Thailand nicht ausschließlich von seiner Kunst leben kann, drängt sich natürlich die Frage auf, ob es denn der Galerist kann", werfe ich ein. Nein, auch das funktioniere nicht, erwidert Alan. Es gebe in Pattaya drei bis vier Galerien. Mit seiner gehe er nunmehr ins vierte Jahr, aber ohne die vielen Helfer, die sich immer wieder aus reinem Enthusiasmus zur Kunst zur Verfügung stellten, käme man nicht weit. Zu einer gut funktionierenden Kunstszene gehöre im Hintergrund auch ein verläßliches Sponsoring, das einen auch einmal in die Lage versetzen würde, Wagnisse einzugehen, denn als Galerist beurteile er nicht, was die Künstler für eine Ausstellung anlieferten, sondern sein Ziel sei es lediglich, ihnen eine Chance zu geben. "Damit unterscheiden Sie sich natürlich in ihrer Zielsetzung grundsätzlich vom europäischen Markt, wo man manchmal den Eindruck gewinnen kann, daß das als Kunst zu gelten hat, von dem der Galerist behauptet, es sei welche!" Alan kann sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. "Ach wissen Sie, wir stehen hier in Asien ja noch ganz am Anfang. Unser Ziel ist es zunächst einmal, Pattaya überhaupt an die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Gegenwartskunst heranzuführen. Wir hoffen, daß wir aus der augenblicklichen Präsentation einmal eine jährliche Bilderschau machen können, die dann auch in Zusammenhang mit anderen, vergleichbaren Events in Pattaya gestellt werden kann. Da bleibt noch viel zu tun!" Bevor wir uns auf den Weg durch die Ausstellung machen, will ich von Alan noch wissen, warum sie ausgerechnet den Titel "New Ecologies" trägt. Pattaya, so seine Antwort, sei eine pulsierende und vibrierende, durch die Internationalität ihrer Gäste vielfältig geprägte Stadt, ständig auf der Suche nach sich selbst und einer eigenen Identität. Auf eben diesen Zustand beziehe sich "New Ecologies", nämlich das ehemals verschlafene Fischerdorf Pattaya in Beziehung zu setzen in die sich rasant entwickelnde Globalisierung einschließlich aller damit verbunden Risiken und Nebenwirkungen. Diese Vielfältigkeit, diese permanente Veränderung, die Verbindung von national und international werde durch die Unterschiedlichkeit der Exponate Ausstellung geradezu exemplarisch dargestellt. Der Rundgang kann beginnen! Die verschiedenen Ausstellungsobjekte werden schließlich in den unterschiedlichsten Bereichen des Hotels präsentiert. Der Gang durch dessen Räumlichkeiten gerät dabei zugleich zu einer Besichtigungstour durch eines der schönsten Designer-Hotels der Stadt. Immer wieder wandert der Blick von den Kunstobjekten auch auf die architektonischen Reize des Gebäudes und die faszinierende Umgebung, in die es hineingebaut wurde. Die meisten Exponate sind so in das Interieur des Hotels einschließlich dessen Wasserspiele integriert sind, als hätten sie nie anderswo gestanden oder gehangen. Es fällt schwer, von beidem nicht fasziniert zu sein. Dabei ist die Qualität der Ausstellungsstücke sämtlichst so anspruchvoll und doch zugleich so unaufdringlich, daß es sich verbietet, auch nur eines namentlich besonders herauszustellen. Sie entspricht höchstem internationalen Standard und braucht keine Vergleiche zu scheuen. "Ich bin begeistert, was uns hier für eine prächtige Ausstellung zur Verfügung gestellt wurde. So etwas hat Pattaya noch nicht gesehen," schwärmt deshalb auch Dietmar Koegerl, deutscher General Manager des Sheraton Pattaya Resort, und empfiehlt gleichzeitig, "das Beste wäre, zunächst am späten Nachmittag einen Gang durch die Ausstellung zu machen, um daran anschließend mit einem ausgiebigen Abendessen von unserem Restaurant aus den Sonnenuntergang zu genießen." Ein Vorschlag, dem sich der Verfasser nur uneingeschränkt anschließen kann. Sehr empfehlenswert! Zwischen Schinkenproduzent und anspruchsvollem Künstler - Die Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya geht weiter. Im ersten Beitrag oben hatte ich den fulminanten Eindruck, den die im Sheraton Pattaya Resort gezeigte Ausstellung "New Ecologies" auf mich gemacht hatte, zum Anlaß genommen, mich auf die Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya zu machen und ernüchtert feststellen müssen, daß es sie offenbar nicht gibt. Aber, das war wohl etwas zu kurz gesprungen, denn jüngste Aktivitäten belegen: es gibt ermutigende Anzeichen dafür, daß sie doch existiert und sogar auf dem besten Weg ist, sich durch spektakuläre Events immer lauter Gehör zu verschaffen! Was aber wohl noch nicht so recht zu funktionieren scheint, ist vielmehr der Kontakt untereinander, also das, was man heute als "Netzwerk" bezeichnet, so daß man zunächst tatsächlich den Eindruck gewinnen kann, als friste sie angesichts von Vergnügungstempeln und Bierbars in der Stadt eher ein bescheidenes und zurückgezogenes Schattendasein. Die Antwort also, lediglich ein Kommunikationsproblem? Auf das zweite Fundstück auf meiner Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya stieß ich während eines Besuchs in der neuen Touristenattraktion der Stadt, dem "Pattaya Floating Market". Erst seit November 2008 in Betrieb, hat sich diese Sehenswürdigkeit zum Zentrum thailändischer Kunst und Kultur sämtlicher Regionen des Landes entwickelt, und zieht inzwischen als lohnendes Ausflugsziel Locals wie Farangs gleichermaßen an. Was durch die umfassende Zuschüttung der Klongs in Bangkok weitgehend verloren gegangen ist, hier wird es - quasi in Bonsai-Form - zu neuem Leben erweckt! Auf verschlungenen Holzstegen schlendert man durch die in typisch thailändischem Stil gebauten Boutiquen, in denen anspruchvolle und dekorative Produkte regionaler und lokaler Handwerkskunst zum Verkauf angeboten werden, kann sich aus einem der zahlreichen umherfahrenden kleinen Boote versorgen lassen oder auch selbst ein solches besteigen, um das ganze Drum und Dran vom Wasser aus zu erleben. Zieht man jedoch die Stege vor, so findet man sich urplötzlich auf der Theud Theung Stage in einer veritablen Kunstausstellung mit dem klangvollen Namen "Arom Thai" wieder, was frei übersetzt so viel heißt wie "…ein Hauch von Thailand". 27 Künstler präsentieren dort ihre Werke. Zunächst überrascht es, einige Bekannte wiederzutreffen, deren Namen uns schon aus dem ersten Beitrag geläufig sind. Da wäre zunächst einmal Mana Yaprakham ("Artist Mana"), der "Klimt-Kopierer", zu nennen. Er ist u.a. mit einem phantasievollen Bild mit dem Titel "Vergänglichkeit" vertreten. Auch die beiden Brüder Vasin und Wasan Suttikasem treffen wir wieder. Sie waren mir bereits als zwei Vertreter der "Thappraya Group" begegnet, die ihre Erstausstellung im vergangenen Jahr in Bangkok hatte. Von ihnen wird an späterer Stelle noch etwas ausführlicher zu berichten sein. Eröffnet wurde "Arom Thai" am 21. Februar 2009 durch keinen Geringeren, als Pattayas Bürgermeister Khun Itthipol Khunpleum. Ihr Titel soll dem Besucher tatsächlich einen "…Hauch von Thailand" vermitteln. Zurückzuführen ist sie auf die Initiative einer Künstlergruppe, die das traditionelle Ambiente nutzen wollte für die ästhetische Darstellung thailändischer Kunst und thailändischen Erbes. Durch ihren Titel möchten die Künstler anknüpfen an die Geschichte und Kultur ihres Landes. Und mehr noch: "Arom Thai" ist nicht nur eine Kunstausstellung, sondern interessierte Besucher sind sogar eingeladen, in besonders angebotenen Workshops ihr Wissen und Können im Austausch mit den Vertretern der Künstlergruppe zu vertiefen, so zum Beispiel in der Porträt- oder Landschaftsmalerei, in der Bemalung von Stoffen oder auch durch das Erlernen verschiedener Maltechniken, wie u.a. der Air-Brush Technik. Ich erinnere mich daran, daß Alan Kirkland-Roath, einer der Organisatoren der Ausstellung "New Ecologies" im Sheraton Pattaya Resort, seine Aktion in Zusammenhang mit anderen vergleichbaren Events in Pattaya gestellt sehen wollte. Voilŕ Alan, hier ist die Antwort! "Es gehört zu unserer Politik, alles zu unterstützen, was unsere Stadt für Touristen attraktiver macht, dazu gehört auch die Kunst", verkündete Bürgermeister Itthipol im englischen Teil seiner Ansprache vor den zahlreichen Zuschauern, die es sich nicht hatten nehmen lassen, dem Eröffnungsspektakel u.a. bestehend aus einer traditionellen Tanzdarbietung, einem Zweikampf zweier Säbelfechter, sowie einer Life-Performance eines Künstlers beizuwohnen. In einem kurzen Interview, daß er mir anschließend gewährte, fragte ich ihn, ob es in seiner Organisationsstruktur für Pattaya die Person eines "Kulturbeauftragten" gebe, wie wir ihn eigentlich aus allen Städten und Gemeinden westlicher Prägung kennen. Diese Aufgabe werde durch das "Department of Education" wahrgenommen, so seine Antwort. Diesem gehöre unter anderem auch der Sport, aber eben auch Kunst und Kultur an. Schließlich wollte ich von ihm wissen, ob ihm die noch bis Ende April im Sheraton-Hotel gezeigte Kunst-Ausstellung "New Ecologies" bekannt sei, wenn nein, sei er herzlich eingeladen, sich diese einmal anzusehen. Bereitwillig stimmte der smarte Mittdreißiger dem zu. Was die Ausstellung "Arom Thai" allerdings zeigt, entspricht nicht gerade dem, wonach ich seit einigen Tagen suche, nämlich der "…contemporary modern art" in Pattaya, denn letztlich ist es diese, die eine eigenständige Kunstszene ausmacht. Die Frage, wie sich die Künstler mit den Fragen und Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, sollte dabei im Mittelpunkt stehen. "Arom Thai" indes zeigt Bilder, die aus einer begrenzten Vorstellungswelt heraus entstanden sind. Den Künstlern fehlt die Vergleichsmöglichkeit, was sonst so auf der großen weiten Welt geschieht. Wer heute in der modernen Gegenwartskunst mitreden will, muß in der Lage sein, global zu denken und zu handeln. Die gezeigten Arbeiten entsprechen deshalb vielmehr gemalter Volksmusik, als in Form und Farbe umgesetztem Hip-Hop. Da fallen die beiden Brüder Vasin und Wasan Suttikasem mit ihren Werken noch am ehesten aus der Reihe. Grund genug, sie einmal in ihrem Atelier in der Thappraya Road zu besuchen. Vielleicht sind sie mir bei meiner Suche behilflich und können mir sogar den einen oder anderen Tipp geben.
Ich treffe sie in dem nagelneuen Showroom ihrer "KC Space Art Gallery", wo sie gerade dabei sind, eine Ausstellung der erst seit zwei Monaten existierenden Kleurn Samutr (Sea Wave) Gruppe vorzubereiten, die am 1. März ihr Opening haben soll. KC Space Art Gallery, erläutert mir Wasan, der Jüngere der beiden Brüder, geht zurück auf seinen Vater Kob Chai Suttikasem, der es vor Jahren ebenfalls als Maler zu Ruhm und Anerkennung gebracht habe. Heute, mit 63 Jahren, habe er sich zur Ruhe gesetzt. Die im Pattaya Floating Market ausstellende "Arom Silp Group" sah Wasan weniger als eigenständige Gruppe an, denn als Künstler, die sich zufällig zu der Ausstellung zusammengefunden hätten, nach deren Abbau aber wohl wieder auseinander gingen. Bei der Kleurn Samutr Gruppe dagegen sei das etwas anders. Sie alle seien Absolventen des Ratchamongkol - (Korat) oder Poh Chang (Bangkok) College und würden sich seit Jahren kennen. Jeder einzelne von ihnen habe dort mit einem Diplom abgeschlossen Er selbst besitze einen Bachelor of Arts der nahe Bangkok gelegenen Rangsit Universität. "Viele dieser Künstler aus unserer Gruppe kommen aus bescheidenen Verhältnissen. Sie wissen, daß man mit Malen nicht reich werden kann, aber sie lieben die Kunst und haben sich deshalb trotz allem für diesen Weg entschieden. Wenn man heute den Beruf eines Künstlers einschlägt, muß man bereit sein, Opfer zu bringen. Mein Bruder und ich sind in der glücklichen Lage, daß uns unser Vater unseren Weg sehr leicht gemacht hat, aber nur von der "…contemporary modern art" könnten auch wir nicht leben. Geld verdient wird eben immer noch mit der Anfertigung seichter und gefälliger Darstellungen." Hinzu käme, so Wasan weiter, daß bei den Thailändern das Interesse an moderner Gegenwartskunst begrenzt sei. "Thailand ist ein Land, das sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Es sind die Bürger von Pattaya, die durch ihr Interesse dazu beitragen müssen, daß sich die zarte Pflanze einer eigenständigen Kunstszene weiter entwickeln kann." Hinsichtlich seiner Berufsgenossen bemängelte Wasan, daß jeder einzelne von ihnen noch zu sehr sein eigenes Ding mache und nicht über den Tellerrand hinausschaue. "Wir müssen Pattaya eine andere, bessere Richtung geben." Unter lebhafter Zustimmung seines Bruders Vasin fügt er hinzu: "Insofern sind wir Khun Manat Mepong, dem CEO des Pattaya Floating Markets, zu Dank verpflichtet, daß er die Ausstellung dort ermöglicht hat. Genau das ist der richtige Weg, das Image Pattayas zu verbessern." Nach der Eröffnungsveranstaltung bezeichnete der Kunstkritiker Tony Godel die KC Space Art Gallery als eine willkommene Ergänzung für die Kulturszene Pattayas: "Sie ist eine inspirierende und aufregende Bereicherung, in der man künftig die aufstrebenden Talente in der thailändischen Kunst wird sehen können." Noch ist es übertrieben, von einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya zu sprechen, aber für den Hunger auf thailändische Kunst ist der Tisch gedeckt. Ende Januar 09 hatte mich eine Ausstellungseröffnung in der "Gallery Opium" auf die Fährte gesetzt, einmal nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya zu suchen. Inzwischen habe ich mir durch eine Reihe weiterer Events und vor allem auch anhand von Äußerungen kompetenter Gesprächspartner ein relativ umfassendes Bild darüber machen können, wie es um die Contemporary Modern Art in der Stadt bestellt ist. Einer der Höhepunkte auf meiner Suche war zweifelsohne die abschließende Unterhaltung mit Liam J O’Keeffe Ayudhkij, dem Besitzer der "Liam’s Gallery", der größten und bedeutendsten Galerie in Pattaya. Neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als Geschäftsmann hat sich der gebürtige Ire, der vor 46 Jahren als Achtzehnjähriger seiner Heimat den Rücken kehrte und jetzt eingebürgerter Thailänder ist, ein Leben lang der Kunst verschrieben. Heute gilt er als einer der engagiertesten Sponsoren asiatischer Kunst und ist zweifelsohne einer der besten Kenner der Szene. Ich treffe ihn in seiner Galerie in der Soi 4 Pratamnak Road. Das fünfstöckige Gebäude ist vom Erdgeschoß bis unters Dach prall mit Kunst gefüllt. Nach der Größenordnung seiner Sammlung gefragt, gibt er mit abwägender Handbewegung an "…etwa zwischen 700 und 800 Objekte". Ein Großteil davon lagere in einem Nachbargebäude oder befinde sich in Bangkok, Chiang Mai und selbstverständlich auch in Irland. "Eigentlich waren es hauptsächlich drei Gründe, die mich dazu veranlaßt haben, vor drei Jahren die Galerie zu eröffnen: da war zuallererst mein dringender Wunsch, meine angesammelten Bilder hängen zu sehen, dann kommt hinzu, daß ich viel Zeit habe, und schließlich darf ich das ohne überheblich zu wirken, in aller Bescheidenheit sagen, ich muß heute kein Geld mehr verdienen." Und in der Tat, als Chairman der "Property Care Services (Thailand) Ltd." ist Liam Ayudhkij mit rund 23.000 Mitarbeitern der fünftgrößte private Arbeitgeber des Landes. Die Frage nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya beantwortet er ohne zu zögern mit einem glatten "nein": "Pattaya war und ist immer noch das Zentrum Thailands für kopierte Kunst. Wer heute in der Stadt ausschließlich vom Betreiben einer Galerie für moderne Gegenwartskunst leben will, der begeht kommerziellen Selbstmord. Lange Zeit habe ich meine Freunde immer wieder bekniet, wenn sie fünftausend Bath für eine Kopie ausgäben, könnten sie dieses Geld doch ebenso gut in das Bild eines jungen Künstlers investieren, aber ich bin da grundsätzlich auf taube Ohren gestoßen." Wie es denn mit der Freiheit in der Kunst aussehe, will ich von meinem Gegenüber wissen: "Natürlich haben Künstler in Thailand sämtliche Freiheiten, die sie für ihre Arbeit brauchen…", so seine Antwort, "…selbst politische Malerei ist kein Problem. Ich befinde mich augenblicklich zum Beispiel in Verhandlungen, in meiner Galerie demnächst eine Ausstellung von Aktbildern von Frauen, Männern sowie auch Transsexuellen zu zeigen. Aber man muß es einfach sehen, viele der Künstler sind noch zu sehr in ihrer eigenen Erziehung gefangen, die ihnen wenig Spielraum für Experimente läßt. Ich sehe hier auch eine besondere Aufgabe derer, die an den Colleges und Universitäten "Kunst" lehren. Die sollten die jungen Künstler ermutigen, neue Wege zu gehen, auszuprobieren, zu experimentieren. Ich habe den Eindruck, daß oft das Gegenteil der Fall ist. Schüler, die zu viele Fragen stellen, gelten eher als unbequem." Hinzu komme auch, so Liam, daß viele Künstler im Land verständlicherweise eher nach Sicherheit strebten und deshalb weniger wagemutig seien. Eine Einschränkung muß aber auch er machen: "Wissen Sie, für einen Thai versteht es sich von selbst, aber einem Ausländer gegenüber sollte man es doch noch einmal erwähnen: selbstverständlich ist die Königliche Familie tabu und auch die Religion setzt Grenzen." Die Aufgabe der Künstler beschreibt er so: "Junge Künstler müssen heute sehen, welche Trends in der Kunst weltweit angesagt sind. Kunst ist heute Teil unseres wechselvollen Alltagslebens. Sie ist unverzichtbarer Bestandteil einer Kultur eines Landes und seiner Menschen und Künstler sind nun einmal deren Trendsetter." Was für Pattaya gelte, träfe allerdings nicht für Bangkok zu, so Liam weiter. Dort würde er schon von einer eigenständigen Kunstszene sprechen wollen. "Sehen Sie, da gibt es zum Beispiel unter den jüngeren Künstlern Leute wie Natee Utarit, der sich in erster Linie abstrakt äußert, oder auch Thaweesak Srithongdee, dessen Feld die Pop Art ist. Und schließlich Warawoot Intorn, der sich eher expressionistisch gibt. Unter den älteren ragen sicherlich die beiden Surrealisten Thawan Dachanee und Chalermchai Kositpipat heraus, während Vasan Sitthiket sich in seinen Werken eher der politischen Kommentierung verschrieben hat." Ich bin beschämt! Während Liam ihre Namen heraussprudelt, ohne auch nur im Geringsten darüber nachzudenken, ist mir nicht einer der genannten Namen auch nur im Entferntesten geläufig. "Natürlich ist Bangkok nicht mit dem europäischen oder amerikanischen Markt vergleichbar, aber es gibt erste viel versprechende Ansätze. Geben Sie dem Land noch mehr Zeit und auch die thailändische Kunst wird sich mehr und mehr emanzipieren!" Ich hätte Liam J O’Keeffe Ayudhkij noch stundenlang zuhören können, aber ich hatte ihn schon viel zu lange aufgehalten. Zum Abschied überreichte er mir noch einen von Steven Pettifor herausgegebenen, voluminösen Bildband mit dem Titel "Flavours - Thai Contemporary Art" aus dem Jahr 2003, den der agile Geschäftsmann seinerzeit finanziert hatte (herausgegeben von der Thavibu Gallery Co. Ltd. Bangkok, ISBN 974-91737-6-7). Er zeigt ausschließlich Werke von Künstlern der thailändischen modernen Gegenwartskunst. Mit dem dritten und letzten Teil endet meine Suche nach einer eigenständigen Kunstszene in Pattaya. Was es offensichtlich in Bangkok schon in weit größerem Maße gibt, fristet in Pattaya noch eher ein bescheidenes Dasein. Die Contemporary Modern Art steht in der Stadt noch ganz am Anfang. Für ihre weitere Entwicklung fehlt es ihr noch weitgehend an Protagonisten, wie zum Beispiel den Brüdern Suttikasem. Daran zu arbeiten, braucht es noch viel Enthusiasmus und einen langen Atem. Und, machen wir uns nichts vor, ohne das Geld von Sponsoren und ohne eine breite interessierte öffentlichkeit ist alles Bemühen hoffnungslos. In einem Umfeld, das den Mut und das Engagement von Avantgardisten nicht mitträgt, kann nichts Experimentelles entstehen. Thailand als Land ist ein "developing system", seine Gesellschaft noch in der Entwicklung begriffen. Eine Bevölkerungsgesamtzahl von 65 Mio. Menschen sollte mehr Individualisten hervorbringen, als gegenwärtig bekannt, die ihren Empfindungen über ihr Umfeld und ihren Eindrücken aus dem Alltagsleben mit modernen künstlerischen Mitteln Ausdruck verleihen! Neben engagierten Idealisten, wie Alan Kirkland-Roath, und Künstlern, wie den Brüdern Suttikasem, bedarf es nicht zuletzt vieler weiterer Sponsoren, die einer modernen thailändischen Gegenwartskunst eine Chance geben. Es bedarf vor allem aber auch einer Aufgeschlossenheit und Bereitschaft in der Politik, wie sie im Augenblick durch Pattayas engagiertem jungen Bürgermeister Khun Itthipol Khunpleum verkörpert wird, den Künstlern Mut zu machen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Der Ankauf und die öffentliche Präsentation von Gegenwartkunst in städtischen Behörden wäre eine der vielen Möglichkeiten aktiver Unterstützung. Darüber hinaus ist es für Pattaya ein besonderer Glücksfall, daß die Stadt über genügend Locations verfügt wo Kunst an besonderen Orten präsentiert werden könnte, an denen das besondere Ambiente die eigentliche Attraktion darstellt, und Kunst quasi als Zugabe mitgeliefert wird. Ich denke da nicht nur an die großen internationalen Hotels, die Theaterfoyers des "Tiffany" oder "Alcazar", sondern zum Beispiel auch an die eleganten Einkaufszentren der Stadt, den Pattaya Floating Market oder gar an die "Pattaya Exhibition and Convention Hall" (PEaCH). überall auf der Welt gibt es Kunstmessen, ultimative Anlaufstellen für Sammler zeitgenössischer Kunst in Museumsqualität. Am 22. April wird die diesjährige "Art Cologne", neben der "Art Basel" eine der wichtigsten europäischen Leistungsschauen, ihre Tore öffnen. Im Oktober wird die "ArtSingapore" nachziehen. Die "London Art Fair" 2009 zählte in diesem Jahr allein insgesamt 21.700 Besucher. Wie wäre es denn einmal mit einer "ArtThailand" im PEaCH in Pattaya. Illusorisch? Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist!
Ein kurzer Abstecher nach Singapur ermöglichte mir den Blick über den thailändischen Zaun hinaus auf die asiatische Dimension meiner Fragestellung. Ein Besuch in der "Ode to Art" Galerie im Raffles City Shopping Centre, die sich der Contemporary Asian Art verschrieben hat, wurde deutlich, daß man in anderen asiatischen Ländern bereits einen Schritt weiter ist, als in Thailand. Was in der dortigen Galerie an koreanischer, vietnamesischer und selbst chinesischer Kunst gezeigt wurde, läßt aufhorchen! Auch die Werke von Künstlern aus Singapur reflektieren deren moderne kosmopolitische Ausrichtung. Trotz einer eigenen asiatischen Note waren sie höchst experimentell sowohl in der Anwendung der unterschiedlichen Techniken, als auch der bildnerischen Darstellung und der damit verbundenen künstlerischen Mittel. Alan Kirkland-Roath wird wohl Ende des Monats seine "Gallery Opium" schließen. Nach vier Jahren Pionierarbeit in Sachen Contemporary Modern Art in Pattaya möchte er sich mit 62 Jahren noch einmal voll und ganz seiner Kunst als "Watercolour Artist" widmen. Seine Expertise würde er gerne Interessenten zur Verfügung stellen, die seine Arbeit fortsetzen möchten. Ob es dafür allerdings Bedarf gibt, wird sich zeigen. Den Brüdern Vasin und Wasan Sittikasem kann man zu Ihrem eingeschlagenen Weg, sich auch der modernen Gegenwartskunst zu öffnen, nur viel Erfolg wünschen und das nötige Durchhaltevermögen, sich auch von Rückschlagen nicht entmutigen zu lassen. | |
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